Wolfsburg lag mir schon immer am Herzen. Themen, wie Stadtentwicklung, Verkehrslage, kulturelle und soziale Begegnungsstätten und natürlich die Umwelt, ziehen sich wie ein grüner Faden durch mein Leben. Beruflich, privat und überhaupt. Nun wurde ich von meinen Parteikollegen als Kandidat der Grünen zur Wahl des Oberbürgermeisters aufgestellt. 

In dem folgenden Interview stelle ich mich euch vor.

Herr Richter, Sie sind in Wolfsburg aufgewachsen und haben sich schon als Jugendlicher für die Stadt engagiert und zum Beispiel zu „Aufräumaktionen“ aufgerufen. 

FR: (lacht) Das stimmt, ich konnte noch nie verstehen, warum ständig alle meckern, dann aber nichts gegen den Missstand unternehmen – und seien es auch nur ein paar zerbrochene Bierflaschen an der Bushaltestelle. Also habe ich kurzerhand diese Aktion gestartet. Da war ich ungefähr sechzehn. Es haben tatsächlich alle mitgemacht!

Wann und wie sind Sie zu den Grünen gekommen?

Auf einer Geburtstagsfeier habe ich mich mit der damaligen und nun wieder aktuellen Parteivorsitzenden Elke Braun unterhalten und mich spontan entschlossen, bei den Grünen einzutreten. Eine „Grüne Gesinnung“ hatte ich ja bereits als Jugendlicher. 

Inzwischen engagiere ich mich nun seit zwanzig Jahren für die Grünen in Wolfsburg, seit 2006 bin ich Mitglied im Rat der Stadt Wolfsburg. Dort habe ich verschiedene Funktionen, bin Fraktionssprecher, Vorsitzender des Planungs- und Bauausschusses und auch als Liegenschaftsbeirat aktiv. Zudem sitze ich im Aufsichtsrat der Neuland Wohnungsbaugesellschaft, im Sozialausschuss, im Klinikums- und im Bildungshausausschuss.

Woran haben Sie in der Vergangenheit mitgewirkt, wie sieht es aktuell aus?

Uff, an vielen Themen und Projekten. Zum Beispiel habe ich an der „Wohnungsbauoffensive Innenstadt“ mitgewirkt, in enger Zusammenarbeit mit den Umweltverbänden, unter anderem, was Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen betrifft. Ich habe auch den Umweltausschuss ins Leben gerufen, der leider von SPD und CDU wieder abgeschafft wurde. 

Im Aufsichtsrat der Neuland habe ich standardisierten Wohnungsbau für günstiges Wohnen vorangetrieben. Das finde ich unheimlich wichtig. Das Projekt läuft heute unter dem Namen „Wohnen für alle“.
In einer Wahlperiode war ich stellvertretender Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Regionalverband. Dort ist auf unser, also auf Grünes Betreiben, das Tagesticket für einen Euro pro Tag und Person initiiert worden. 
Dies ist nun leider ausschließlich zum Tagesticket für Rentner „herabgestuft“ worden. 

Zu diesen Tätigkeiten sind Sie auch in diversen Freundeskreisen, wie vom Phaeno, Hallenbad oder auch dem Internationalen Freundeskreis tätig, außerdem engagieren Sie sich immer wieder auch für die Belange der Bürger. Wird Ihnen das nicht manchmal zu viel?

Neben Arbeit und Familie ist das ehrenamtliche Engagement herausfordernd, ja manchmal auch organisatorisch etwas schwierig, aber ich mache all das leidenschaftlich und gern. Es gibt einfach eine Menge zu tun in dieser Stadt, im Rathaus, in den Ortsteilen, im Großen und im Kleinen. 

Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ganz grob gefasst: Wolfsburg als Lebensraum und Ort der Begegnung. Mein Ziel ist, gleichwertige und gute Lebensverhältnisse für alle herzustellen. So sollten sämtliche Vorhaben und Vorlagen den politischen Gremien vorgelegt werden, um eine kurze Bewertung zu den Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit, sowie Geschlechtergerechtigkeit, Teilhabe und Integration erhalten.

Dabei ist es wichtig mit den Bürgerinnen und Bürgern im Gespräch zu bleiben. 

Natürlich müssen wir dabei immer im Blick haben, all die Pläne zusammenzuführen, ja zu bündeln und einheitlich zu formulieren. Das schafft Klarheit und so können wir viel effizienter vorgehen.

Nach Ihrer Ausbildung zum Modelltischler sind Sie nach Berlin gegangen, um dort „Stadt- und Regionalplanung“ zu studieren. In Ihrer Diplomarbeit ging es um die Verkehrsplanung in Wolfsburg. Wussten Sie damals schon, dass sie eines Tages zurückkommen würden?

Nein, das war nicht geplant. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich für den Berufseinstieg fast überall hingegangen wäre. Aber Wolfsburg als meine Heimatstadt und Volkswagen als toller Arbeitgeber passte natürlich sehr gut, und so fiel mir die Entscheidung leicht.

Bei Volkswagen sind Sie für die Planung der Infrastruktur und auch für das Flächenmanagement am Standort zuständig. Dadurch, dass Sie im Prinzip in der Materie stecken, haben Sie einen guten, objektiven Blick auf die Stadt, als Bürger erleben Sie Wolfsburg auch von Innen, von der menschlichen Seite. Hilft Ihnen das bei der Findung und Umsetzung aktueller Projekte?

Vermutlich. Und ja, das alles sind meine Themen. Zudem bin ich ein „Realo“, ich halte nichts von wilden Spekulationen und Fantastereien, sondern beziehe die praktische Umsetzung immer direkt mit ein. Was nützen die schönsten Theorien, wenn sie an der Realität scheitern?

Wie sehen Ihre Pläne für unsere Stadt konkret aus?

Die Innenstadt wird durch die Heinrich-Nordhoff-Straße, den Berliner Ring, die Heinrich-Heine-Straße und die Lessingstraße definiert. Hier sollte das Tempo auf 30 heruntergesetzt werden, um eine Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer herzustellen. 

Die Schillerstraße könnte man im nördlichen Bereich für den Pkw-Verkehr sperren und nur für Busse und Fahrräder durchgängig offenhalten. Pkw wären aber bis zur Einmündung ins Parkhaus gestattet. So wäre endlich eine zufriedenstellende Situation für den Fuß- und Radverkehr hergestellt. Fußgänger und Radfahrer bräuchten sich nicht den schmalen Gehweg teilen und die Radfahrer müssten nicht auf die durch Busse stark befahrene Straße ausweichen.

Die Erschließung über den Meckauerweg (Cadera) würde bestehen bleiben, den Parkplatz müsste man schließen und zur Bebauung freigeben. Insgesamt haben wir nämlich noch so einige untergenutzte freie Flächen, die sinnvoll bebaut werden können. Das würde unser Zentrum beleben.

Was noch?

In der Porschestraße sollte gezielt auf die Eigentümer zugegangen werden, um durch Ankauf größere „Grundstückseinheiten“ zu schaffen. Hier könnten in den oberen Etagen Wohnen entstehen. Die Innenstadt braucht unbedingt eine größere Durchmischung, als es bisher der Fall ist. Eine reine Ausrichtung auf Geschäfte kann einfach nicht die Lösung sein, dann kommen die Leute nur zum Einkaufen oder zum Arbeiten, was schade wäre. 
Die Aufenthaltsqualität muss durch Gastronomie, möglicherweise auch durch Kitas und alltägliche Dinge aktiviert werden. Also noch weitere, ich sage mal „belebende“ Impulse bekommen. 

Zum Beispiel?

Für die Innenstadt sollte eine gestalterische Aufwertung vorgesehen werden. Die Fuß- und Fahrradwege sind in die Jahre gekommen und teilweise in unansehnlichem Zustand. Neupflasterungen mit kombinierten Fuß- und Fahrradwegen für einen störungsfreien nicht motorisierten Verkehr sind angemessen. Es gab dazu tolle Ideenskizzen vom Architekturbüro Gehls (Dänemark, Kopenhagen), die umgesetzt werden könnten. 

Die Freifläche beim Hallenbad sollte ebenfalls aufgewertet werden. Dazu würde ein Erweiterungsbau freien Künstlern ein „Zuhause“ geben. Das wäre ein weiterer Impuls.

Insgesamt müssen wir den Flächenverbrauch und die Versieglung reduzieren! 

Wie wäre das finanziell zu stemmen?

Grundsätzlich ist bei öffentlichen und geförderten Vorhaben zu prüfen, ob Flächen bestmöglich genutzt werden und ob vielleicht durch Aufstockung von Einrichtungen, wie zum Beispiel Krippen und Kitas, das gleiche Ziel erreicht werden kann. Sanierung vor Neubau, Lückenschluss vor Ausweisung neuer Flächen! Das ist viel effizienter und auch ökologisch klüger. 

Zuschüsse für Entsiegelung von Flächen, zum Beispiel Wabensteine statt Pflaster an private Bauherr*innen sind prüfen. Das Wasser sollte möglichst versickern und so im Boden gehalten werden. Die letzten drei Jahre haben gezeigt, welche Auswirkungen trockene Sommer auf die Vegetation haben. Wenn das Wasser durch Versieglung einfach nur abfließt, ist es „verloren“.

Also sehen Sie in der Stadt noch viel Potenzial für Entwicklung?

Absolut! Wir haben alles da, nur die Verteilung ist an manchen Stellen etwas unglücklich.

Die Sportförderung in Wolfsburg ist im Vergleich mit anderen Kommunen deutlich höher. Zu oft springt die Stadt finanziell ein, ohne dass dies an Bedingungen geknüpft ist. Dabei sollte Sportförderung auf Gesundheit, Inklusion und soziale Teilhabe ausgerichtet sein. Zuschüsse sollte erhalten, wer integrativ arbeitet und das Gemeinwohl stärkt. Zum Beispiel sind Formate zur Integration von Menschen mit Handicap gefragt, oder auch integrativ im Sinne von zugezogenen oder geflüchteten Menschen.

Natürlich müssen wir auch die Kultur in Wolfsburg stärken und ihr mehr Raum geben. Die Kulturförderung der Stadt unter dem Gesichtspunkt der Teilhabe für alle weiterentwickeln. 

Was noch?

Das breite und vielfältige Beratungsstellenangebot in unserer Stadt muss erhalten und finanziell ausgestattet werden, um präventiv negative Folgen von, zum Beispiel ungewollten Schwangerschaften, psychischen und physischen Problemen, wie häusliche Gewalt gesamtgesellschaftlich abzuwenden. 

Das Gesundheitsamt sollte gestärkt und die Gesundheitsprävention muss ausgebaut werden. 

Des Weiteren sollte ein Aktionsplan „Inklusion“ unter Beteiligung von Akteuren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen erarbeitet werden. 

Große Themen in Wolfsburg sind auch die Verkehrslage und die Wohnsituation. Was müssen wir ändern?

Von der autogerechten Stadt zur Stadt der klimaneutralen Mobilität! Abseits der Hauptverkehrsstraßen ist eine Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer herzustellen. Der motorisierte Individualverkehr (MIV) sollte mindestens auf gleichem Niveau gehalten werden und nicht steigen. Nah-Mobilität kann stärker durch das Fahrrad ersetzt werden und da, wo nötig, dem Bus Vorrang gewähren, um ihn attraktiver zu machen. Kapazitäten sind im Bussystem (abgesehen vom Schülerverkehr) noch ausreichend vorhanden. Wo es möglich und notwendig ist, könnte man temporäre Busspuren einführen. Das würde den Verkehr auch insgesamt etwas entspannen. Es muss und braucht einfach nicht jeder Einzelne mit dem Auto zur Arbeit fahren.

Den Neubau der L290 würde ich nicht weiter verfolgen, sondern im Bestand erweitern. Zusätzlich können wir die Anwohner entlasten, indem wir uns um Lärmschutzmaßnahmen kümmern und für Entschädigung sorgen. Das fördert dann auch gleich wieder das Wohnklima in der Stadt.

Im Rückblick auf Ihre Laufbahn könnte man fast meinen, die Kandidatur zum Oberbürgermeister ist nur eine logische Folge.

Die Erfahrungen aus der Kommunalpolitik der letzten fünfzehn Jahre bestärkten mich in der Entscheidung zur Kandidatur zum Oberbürgermeister. 

Frank Richter, privat: Was gefällt Ihnen an Wolfsburg besonders gut? Wo halten Sie sich am liebsten auf?

Nach fast zehn Jahren Berlin fand ich Wolfsburg als „Stadt der kurzen Wege“ toll. Obwohl ich in der Innenstadt wohne, ist für mich alles schnell zu erreichen. Einkaufen ist für die Innenstadt selbstverständlich, genauso wie Restaurants und Kinos. Herausragend ist jedoch, dass ich in wenigen Minuten im Wolfsburger Stadtwald oder Freibad bin. Mein Arbeitsplatz und auch mein Ehrenamt sind ebenfalls schnell mit dem Rad und zu Fuß zu erreichen. 

Ich liebe ausgedehnte Spaziergänge und Radtouren und die sind in Wolfsburg ohne „Anreise“ möglich. 

In der „Vor-Corona-Zeit“ bin ich regelmäßig ins Theater gegangen, habe die Movimentos Festwochen in der Autostadt und Ausstellungen im Wolfsburger Kunstmuseum besucht. Gerne gehe ich auch ins Kino, sogar allein.

Und, wenn ich „Zeit finde“, lese ich auch gerne. Am liebsten Krimis, die entspannen mich am besten! 

 

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